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Die WIM-Radio Days boten an
fünf Festivalwochenenden, die im ersten Halbjahr 1998 stattfanden,
rund 100 Musikerinnen und Musikern eine Plattfom für ihre Improvisationen.
Die Konzerte wurden durch Video und Tonbandaufnahmen in bester Studioqualität
ausführlich dokumentiert. Gleichzeitig führten die Veranstalter
der WIM-Radio Days Interviews, in denen die Musiker über ihren kulturpolitischen
Hintergrund, ihr unterschiedliches Verständnis von Improvisation
und über ihre Spielmethoden Auskunft gaben. Aus diesen Konzertaufnahmen
und Interviews wurde eine Serie von zwölf Radiosendungen zusammengestellt,
die Radio LoRa Zürich zwischen April 1998 und März 1999 ausstrahlte.
Auch erschien im Frühjahr 1999 die CD WIM-Radio Days , auf der Ausschnitte
aus den Festivalkonzerten zu hören sind, die exemplarisch die Vielfalt
an Möglichkeiten aufzeigen, wie sich heute improvisieren lässt.
Wie der nachfolgende Beitrag zeigt, wurde an den WIM-Radio Days ein immenses
Material zusammengetragen. Dieses ermöglicht es, nicht nur musikalisch,
sondern auch analytisch und kulturpolitisch dem Phänomen der improvisierten
Musik und den unterschiedlichen Haltungen improvisierender Musiker näher
zu kommen. Die spezielle Situation improvisierter Musik, die weder eingeübte
Musikprodukte, noch Interpretationen komponierter Werke vermitteln möchte,
verwickelt die werkartige Vorführung und Wiedergabe auf CD bzw. am
Radio natürlich in Widersprüche. Diese sind aber auch Ausdruck
einer Entwicklung innerhalb der improvisierten Musik, welche im folgenden
einleitend kurz skizziert werden soll.
I. WIM-Radio Days: Werkschau
der Improvisation
Die Werkstattkonzerte in der
WIM orientierten sich in den siebziger Jahren an den ästhetischen
Vorgaben der frei improvisierten Musik, wie sie neben anderen Vinko Globokar
und Derek Bailey formuliert haben. Die Vorstellungen und Ansatzpunkte
haben sich seither allmählich gewandelt. Anfangs wollten sich die
Musiker in erster Linie von einer Musiktradition befreien, die in der
seriellen Kompositionweise an die Grenzen des musikalisch Beschreibbaren
gekommen war. Unter dem Einfluss des Jazz Ende der sechziger Jahre begannen
die Musiker, sich auf ihre eigene künstlerische Identität zu
besinnen. In der Folge lehnten sie die Vorgaben und Aufführungsbedingungen
von komponierten Werken radikal ab und begannen, frei über ihre Instrumente
zu verfügen und den Verlauf der Musik spontan selbst zu bestimmen.
Diese sogenannte non-ideomatische Spielweise erhielt mit der
Zeit ein Gesicht und könnte heute sogar als eigener Stil bezeichnet
werden. Mit dem Begriff der non-ideomatischen Improvisation war aber ursprünglich
nicht ein Stil, sondern eine Spiel-Methode gemeint, die den Äusserungen
der Mitspieler Rechnung trägt und den Verlauf der Musik jederzeit
offen lässt.
Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Wie kann das Spiel offen bleiben,
wenn ein Musiker etwa einen Rhythmus einbringt? Für die Mitmusiker
wird es schwierig, diesen Rhythmus zu ignorieren, ohne die Integrität
der Musik zu gefährden. Sie müssen dem Rhythmus also folgen.
Das kann gut gehen, bis sich mit der Zeit eine gewisse Ermüdung einstellt.
Bei einem konventionell vorbereiteten Stück Musik würde in diesem
Moment ein Thema folgen. In der improvisierten Musik bleibt es der momentanen
Interaktion der Musiker überlassen, der Musik eine neue Richtung
zu geben. Dies setzt voraus, dass die Musiker mit ihrem Material umsichtig
verfahren und fähig sind, es in permanentem Austausch mit den Mitmusikern
einzusetzen. Der Verlauf der Musik ist dabei nicht nur vom persönlichen
Wollen des einzelnen Musikers abhängig, sondern folgt dem gemeinsamen
Tun der Gruppe. Wie es auch Bailey und Globokar beschrieben haben ist
improvisierte Musik somit nicht einer vorgegebenen, kreativen Idee verpflichtet,
sondern dem flüchtigen Moment der kollektiven Interaktion der Musiker.
Ein wichtiges Element in der
improvisierenden Szene ist es auch, das Publikum im Konzert unmittelbar
an der Erfindung der Musik teilhaben zu lassen. Sie soll nicht im stillen
Kämmerlein stattfinden und als fertige Komposition oder Produkt dem
Publikum präsentiert werden. Die Entstehung der Musik selbst ist
das Thema. Sie erreicht ihre Gültigkeit in einem Augenblick, den
die Musiker zusammen mit den Zuhörenden erleben. Aus diesem Ansatz
heraus entwickelten sich Konzertreihen, wie sie zum Beispiel in der WIM
Zürich seit 1978 kontinuierlich stattfinden. An diesen Konzerten
entsteht die Musik durch die Interaktion der Musiker untereinander und
- fast ebenso wichtig - durch den Kontakt mit dem Publikum, dessen Aufmerksamkeit
und Reaktion den Verlauf der Musik massgeblich beeinflussen. Deshalb spielen
die Musiker auch häufig ohne Bühne, um das Publikum stärker
am musikalischen Prozess beteiligen zu können. Und die Reaktionen
der Zuhörer, die sich mit den Musikern oft im Gespräch austauschen,
verändern auch die Musik. So ermöglichten der Einbezug von Stilzitaten,
szenischen Einlagen und die Lockerung der kollektiven Leistung zugunsten
von Solisten dem Publikum den Zugang zu improvisierter Musik zusehends.
Doch verlor improvisierte Musik damit nicht auch den Charakter, Kunst
ohne Werk zu sein? Indem sich die Musiker die Kompetenz angeeignet
haben, spontan eine gültige und verständliche musikalische Form
zu kreieren, erhält improvisierte Musik auch einen besonderen Werkcharakter.
Hier setzte die Idee der WIM-Radio
Days an. Die Festival-Konzerte bildeten für die improvisierenden
Musiker eine Plattform, der das Gewicht einer Werkschau zukam. Dies im
Gegensatz zu den traditionellen Werkstattkonzerten, die durch das Interesse
der Musiker getragen werden, sich unbefangen zu treffen und auszuprobieren,
wie eine bestimmte Konstellation wohl klingen könnte. Die Aufnahmen
dieser Werkstattskonzerte haben dabei dokumentarischen Charakter und werden
nicht als fertiges Werk oder gar verkäufliches Produkt
angesehen. Die Aufnahmesessions der WIM-Radio Days vereinten dagegen verschiedene
Ausprägungen von Improvisationsmusik, die nicht nur dokumentiert
werden sollten. In exzellenten Aufnahmen wurde eine kohärente Klangästhetik
verfolgt, die improvisierte Musik in Radiosendungen und auf CD optimal
repräsentieren konnte.
An den fünf Festivalwochenenden
spielten 22 Bands und 6 Solisten in den für einen professionellen
Studiobetrieb ausgebauten WIM-Räumen. An den 37 Konzerten folgte
zumeist nach einem für das Publikum zugänglichen Sound- und
Hörcheck ein Set mit improvisierter Musik. Einzelne Gruppen nahmen
verschiedene Versionen von Stücken auf, die teilweise sogar abgesprochen
oder arrangiert waren. Am dritten Radio Days-Wochenende waren die Konzerte
in eine sechsstündige Live-Sendung am Radio LoRa integriert. Neben
Diskussionsrunden zu kulturpolitischen Themen wurde die am Vormittag aufgenommene
Musik gesendet. Dadurch war es möglich, die Konzerte erst live in
der WIM und gleich darauf am Radio anzuhören. So wurde deutlich,
wie stark sich ein Konzerterlebnis von der Musikaufnahme unterscheidet.
Klänge, die dem Hörer am Konzert noch rauh und unfertig vorkamen,
sind in den Aufnahmen als Nuancen überraschender Klangfarben hörbar.
Dafür ist die physische Präsenz der Musiker und Zuhörer,
die den Verlauf der Musik beeinflussen, nicht nachvollziehbar.
II. WIM Radio Days: Radiosendungen
zu improvisierter Musik
II.1 Streifzug in die Begriffswelt
In den zwölf Sendungen
am Radio Lora wurden die Aufnahmen und die Musikerinterviews aus den WIM-Radio
Days mit Trouvaillen aus der Tradition des Jazz, der Neuen Musik und der
ethnischen Musik kombiniert. Die Sendungen, umrahmt von einer Konzeptsendung
und einer Best of Radio Days-Sendung , waren den Themen Tradition
, Stil und Kulturpolitik zugeordnet.
Zu Beginn der Reihe wurde versucht, die Traditionen und Stile improvisierter
Musik durch die drei Schlagworte Free Jazz, Freie Improvisation
und Instant Composing grob einzugrenzen.
Ornette Coleman gebrauchte den Begriff Free Jazz 1960 als
programmatischen Titel einer seiner Schallplatten. Damit war jedoch nicht
nur die freie Verfügbarkeit über das rhythmische, melodische
und harmonische Material des Jazz gemeint. Weitere wichtige Faktoren des
Free Jazz waren auch, dass die Musiker ihrer persönlichen
Intuition vertrauten, und mit den Möglichkeiten freier Interaktion
in der Gruppe experimentierten. Die Betonung eigener Resourcen und neuer
Kommunikationswerte war stark mit der Idenditätsfindung afro-amerikanischer
Kultur nach der Aufhebung der Rassentrennung in den USA verbunden. Auch
die Musik von Cecil Taylor, Sam River, Sun Ra, Bill Dixon oder Antony
Braxton sind in unterschiedlichen Ausrichtungen wichtige Pfeiler dieser
Tradition.
Die Freie Improvisation ist das Resultat des Zusammentreffens
europäisch klassischer Musik mit dem Jazz der sechziger Jahre. Herkömmliche
Musikparameter wie Rhythmus oder Harmonie werden hinterfragt und abgelehnt,
um eine Freiheit des persönlichen Ausdrucks zu erreichen. Mit herkömmlichen
Denkmustern betrachtet wird Freie Improvisation nicht verständlich.
Sie verlangt, wie Alexander von Schlippenbach bemerkte, mit ihren eigenen
Kriterien gehört zu werden. Exponenten der frei improvisierten Musik
sind Derek Bailey, Cornelius Cardew, Vinko Globokar, Peter Kowald oder
Evan Parker.
Der Begriff Instant Composing wurde in der niederländischen
Szene um Mischa Mengelberg geprägt und beeinflusste Musiker wie Irène
Schweizer, Joëlle Léandre oder Pierre Favre. Hier wird mehr
auf die Komposition des Augenblicks als auf den Entstehungsprozess der
Musik Wert gelegt. Die Musiker nehmen eine ästhetische Haltung bezüglich
des Moments ein und gestalten eine formal stimmige Musik.
Alle drei Begriffe entstanden während der sechziger Jahre, als die
Musiker sich von den hierarchischen Strukturen der Komponisten und Orchester
emanzipierten. Die Musiker betrachteten ihre Tätigkeit nicht in erster
Linie als Kunst oder Kunstproduktion, sondern als existentielles Bedürfnis,
ihre Musik direkt mit den eigenen Lebensumständen zu verbinden.
Im Laufe der Sendungen konnten
wir die vorangestellten Begriffe noch etwas verfeinern: Free Jazz
bezieht sich sowohl auf die Jazztradition wie auch auf europäische
Kompositionsformen neuerer Zeit. Mit teilweise revolutionären Mitteln
werden die individuellen Äusserungen der Musiker und die kommunikativen
Möglichkeiten in der Gruppe einbezogen. In der Freien Improvisation
ist der Ablauf der Ereignisse nicht etwa zufällig, sondern von den
Vorstellungen der Musiker und des Publikums bestimmt. Es können sinnfällige
Momente einfliessen, wie etwa Humor oder Zitate. Ereignisse können
von Mitspielern aufgegriffen, gestützt oder wieder verlassen werden,
ohne dass die Musiker formalen oder inhaltlichen Gegebenheiten folgen
müssten. Instant Composing nähert sich einer musikalischen
Aussage an, die von Formvorstellungen der Musiker geleitet ist. Der erste
Ton gibt eine Aussage vor, die durch Kommunikation und Reaktion der Musiker
im Prozess erfunden wird. So wird ein musikalisches Zeitkontinuum geschaffen,
das als schlüssige Form erkennbar wird.
II.2. Auf der Suche nach Klangwelten
- zwei unterschiedliche Konzepte
Neben den Radio Days-Aufnahmen
kamen in den Sendungen Komponisten und Musiker unterschiedlicher Herkunft
zu Wort, die als Teil einer Tradition improvisierter Musik angesehen werden
können. Dazu gehört Cecil Taylor, ein grosser Pianovirtuose
und wichtiger Exponenten improvisierter Musik unserer Zeit. Für ihn
ist Improvisation ein Werkzeug der Sensibilität und eine Möglichkeit,
die eigene Natur im Austausch mit der Gruppe zu erfahren. Verborgene
Instinkte können dabei eingefangen und das Unkultivierte
kultiviert werden. Improvisation ist die magische Erhebung in den Zustand
der Trance, die es ermöglicht, das innere Selbst des Menschen als
lebendigen Organismus, verbunden mit Pflanzen, Tieren oder Menschen, geschärft
wahrzunehmen.
Harry Partch - seine Musik beeinflusste improvisierende Musiker wie Fred
Frith - nimmt gegenüber den Improvisatoren eine kritische Haltung
ein. Er begrüsste zwar deren Versuch, durch die Ablehnung klassischer
Formbegriffe die monolithische Auffassung von Kultur zu brechen.
Partch war jedoch enttäuscht, dass sie dies mit denselben Instrumenten,
Tonleitern und Harmonien tun, wie sie die westliche Kultur schon seit
Jahrhunderten verwendet. Partch arbeitete als Komponist an der Weiterführung
der traditionellen westlichen Tonalität und erforschte unorthodoxe
Tonleitern, die neue Möglichkeiten von Obertonverhältnissen
zulassen. Dazu erfand er neue Instrumente und orientierte sich an archaischen,
vielfach klassisch griechischen und asiatischen Formen.
Der Big Band Leader Sun Ra forderte für seine Musik die uneingeschränkte
Disziplin seiner Musiker: "Was ich erreichen will, erfordert sehr,
sehr harte Arbeit und ich brauche dafür die besten Musiker. Keine
zwei Stücke sollen den gleichen Rhythmus haben, manchmal ändere
ich den Rhythmus vom Klavier aus. Die Musiker müssen fähig sein,
das zu spüren, sie müssen Intuition haben und reagieren. So
kann sich eine Musik entwickeln, von der sie nie geträumt haben,
dass sie entstehen könnte. In den Schulen lernt man alles zu kennen,
bei mir lernt man, dass man nicht alles schon kennt." Die Musik des
Sun Ra Arkestra nimmt das Publikum auf eine Reise durch Raum und Zeit
mit, die zu Klängen ausserhalb unserer Welt hinführen soll.
Edgar Varèse - ein bedeutender Komponist der klassischen Moderne
- begann unter dem Eindruck Busonis, Geräusche in seine Musik zu
integrieren, da er die klanglichen Ausdrucksmittel erweitern wollte: "Unser
musikalisches Alphabet muss bereichert werden. Wir benötigen [dazu]
dringend neue Instrumente. (...) [Diese] müssen fähig sein,
unterschiedliche Verbindungen zu ermöglichen. [Sie sollen uns] nicht
einfach an Dinge erinnern, die wir immer und immer wieder gehört
haben. (...) In meinem eigenen Schaffen fühlte ich stets die Notwendigkeit
[nach] neuen Ausdrucksmitteln. Ich lehne es ab, mich auf Klänge zu
beschränken, welche bereits gehört worden sind."
Dieser kleine Exkurs zu möglichen Traditionen improvisierter Musik
zeigt zwei unterschiedliche Konzepte auf: Cecil Taylor und Sun Ra verstehen
sich gestützt auf die afro-amerikanische Tradition als Vermittler
eines kulturellen Erbes durch Musik. Wo Cecil Taylor den spirituellen
Ort im Innern des Menschen sieht, findet Sun Ra diesen im Universum. Mit
Edgar Varèse und Harry Partch werden die Standpunkte zweier Komponisten
wiedergegeben, die durch ihre Radikalität, mit der sie die Formen
und Klänge von Musik erneuern, die Vorstellungen improvisierender
Musiker weitgehend geprägt haben, obwohl der Gestaltungswille für
ihr Werk keine Improvisation zugelassen hätte.
III. Die Interviews
III.1 Kulturpolitischer Diskurs
Anschliessend an die jeweiligen
Konzerte der WIM-Radio Days führten die Veranstalter ausführliche
Gespräche mit den Musikern. Wiederholt kam dabei die spezielle Situation
der improvisierten Musik in einem zunehmend produkteorientierten Markt
zur Sprache. Damit verbunden wurden Fragen aufgeworfen wie zum Beispiel:
Soll improvisierte Musik von der staatlichen Kulturförderung
geschützt werden? Fällt improvisierte
Musik den Bedingungen des freien Markts zum Opfer? Sind die
Musiker in einer Art freiem Kulturraum dazu verurteilt, zu tun oder zu
lassen, was sie wollen, ohne weiter beachtet zu werden?
Wenn von Kulturpolitik gesprochen wird, muss vorangestellt werden, dass
Kultur nicht allein vom Publikum getragen werden kann. Erst
das Engagement von staatlichen und privaten Institutionen ermöglicht
qualitativ hochstehende Aufführungen in künstlerischen Bereichen.
So lange dabei die Auswahl der Ausdrucksmittel den Künstlern überlassen
bleibt, muss sich die Kunst nicht den Interessen der Geldgeber anpassen.
Wie sich die neueren Unterstützungsformen, die sich immer ausschliesslicher
auf Zuschauerquoten und Sponsoreninteressen berufen, auf die Erneuerung
und Frische des Kulturbetriebs auswirken, zeichnet sich nun allmählich
ab. Die Einflussnahme der Gremien und Firmen auf die Kultur ist subtil
und bewirkt, dass den Künstlern scheinbar eine grössere Aufmerksamkeit
von Seiten des Publikums entgegengebracht wird. Die Tendenzen in der Kulturarbeit
gehen dahin, das Publikum unter allen Umständen anzusprechen, Trends
zu folgen und Hallen zu füllen. Die Möglichkeiten künstlerischen
Ausdrucks sprengen jedoch den Rahmen, der die verkaufbaren Kulturprodukte
umfasst. Eine Priorität der Kulturförderung sollte deshalb die
Pflege der Ausdrucksvielfalt sein, unabhängig davon, wieviel Publikumszuspruch
ein bestimmtes Projekt auf sich lenken kann.
Zu Kulturpolitik äusserten
sich unter anderem Christoph Baumann und Dieter Ulrich an den Radio Days
vom 11.Januar 1998:
Dieter Ulrich: "Die Szene in London ist ein Beispiel dafür,
wie schnell eine gute Musikszene entstehen und wie schnell sie wieder
verschwinden kann. Ende der sechziger Jahre war die Londoner Musikszene
vergleichbar mit jener in New York oder Chicago. Das hatte damit zu tun,
dass die Musiker Auftrittsmöglichkeiten hatten. Es gab eine gewerkschaftliche
Organisation, welche die Jobs paritätisch verteilte. Im Thatcherismus
wurde die Kultur dann dem freien Markt unterworfen. Die Folge davon war,
dass die ganze Szene wegrationalisiert wurde. Früher konnte ein Musiker
rund ums Jahr in der Umgebung einer einzigen Stadt leben und spielen.
Dementsprechend hatte die Londoner Szene auch ihren ganz eigenen Sound."
Christoph Baumann: "Die Musiker in der Schweiz müssen sich heute
darum kümmern, dass sich der Staat nicht zusehends aus der Affäre
zieht. Es muss verstanden werden, dass die Szene einer Stadt durch die
kleinen Kulturräume, die mit vergleichsweise sehr wenig Geld auskommen,
lebendig bleibt. Heute liegt es im Trend, grosse Institutionen optimal
auszurüsten und gleichzeitig die zahlreichen kleinen Aktivitäten
verkommen zu lassen. Damit geht zuerst die Vielfalt der Möglichkeiten
verloren und schliesslich wird der ganze Betrieb langsam und schwerfällig.
Ohne Unterstützung können sich die kleinen Orte aber nicht erhalten.
Deshalb sollten wir den vereinzelten Aktivitäten ein grösseres
politisches Gewicht verleihen."
Die beiden Musiker kommentierten
auch das Verhältnis zwischen einer unabhängigen,
staatlichen Unterstützung und einem an die Interessen des Markts
gebundenen Sponsoring.
Christoph Baumann: "Die demokratische Staatsform beruht auf der Gemeinschaft
von Wirtschaft und Gesellschaft. Das Geld, das der Staat erwirtschaftet,
muss innerhalb der Gemeinschaft wieder verteilt werden. Wichtige Bereiche
sind dabei die Bildung und die Forschung, wozu ich auch die Musik und
allgemein die Kultur zähle. Der Markt hingegen orientiert sich an
den Verkaufstrends, und deshalb wird er Bildung und Forschung nur im Hinblick
auf mögliche Gewinne fördern. Es ist deshalb wichtig, dass der
Staat seine Verpflichtung innerhalb der Musikkultur wahrnimmt, und die
Entwicklung jener Musik, die vom Markt nur wenig aufgenommen wird, durch
angemessene Unterstützung ermöglicht."
Dieter Ulrich: "Es hat zu keiner Zeit eine Hochkultur gegeben, die
erfolgreich oder selbsttragend gewesen wäre. Ich sehe hier Hochkultur
im Gegensatz zur Tageskultur bzw. zur Unterhaltungskultur,
die ich damit nicht abwerten möchte. Das Problem ist so alt wie die
Kunst selbst. Aber wir dürfen heute nicht beginnen, uns Illusionen
zu machen. Die Kultur hat nie nach freien Marktprinzipien funktioniert.
Auch Mozart schrieb seine Opern mit Unterstützung von Auftraggebern,
er wurde nicht durch den Verkauf von Billetten zum Millionär. Die
Gesellschaft vergisst diese Werte. Man findet es heute schick, zu glauben,
der freie Markt sei die heiligste aller möglichen Kühe. Welcher
Jazzer, den wir heute noch anhören, war zu seiner Zeit gross im Business?
Heute hören wir uns Fletcher Henderson, Duke Ellington oder Count
Basie an und glauben, diese hätten die erfolgreichsten Big Bands
der dreissiger und vierziger Jahre geleitet. Dies stimmt aber nicht. Die
erfolgreichste Big Band jener Zeit war jene von Paul Withman. Von dieser
Band hört man sich heute jedoch kaum mehr ein Stück an. Die
Erklärung für dieses Phänomen ist einfach: Die Big Bands
von Basie und Ellington spielten aus späterer Sicht viel interessantere
Musik."
Christoph Baumann und Dieter
Ulrich berühren einige problematische Punkte innerhalb der Kulturpolitik.
Der Londoner Musikszene blieb im freien Markt keine Überlebenschance.
Kleinere Clubs mussten lukrativeren Etablissements weichen und den Musikern
blieb grösstenteils ein Leben als eine Art Tagelöhner übrig.
In der Schweiz sind erst Ansätze einer solchen Entwicklung zu spüren.
Auch treten verstärkt Sponsoren auf, die ihre Interessen in der Kultur
durchsetzen wollen. Die Entwicklungen innerhalb der Expo 02 sind ein Beispiel
dafür. Im Gespräch der Musiker wurde deutlich, dass Musik als
Teil von Kultur nicht immer marktkonform sein kann. Es ist deshalb wichtig,
dass kleinere Institutionen, die experimentelle Formen von Musik präsentieren
wollen, auch nachhaltig unterstützt werden. Erst aus der Vielfalt
von Kunstmusik und Tagesmusik kristallisieren sich bleibende Kulturwerte.
III.2. Widerstand als Element
der Erneuerung
Zwei spezifische Qualitäten
improvisierter Musik finden sich darin, dass die Musiker spontan ein Zeitgeschehen
umsetzen und dies im Konzert unmittelbar einem Publikum mitteilen können.
Deshalb verstehen improvisierende Musiker ihr Tun meist auch als politisches
Handeln. Dies äusserte sich anfangs darin, dass bestehende Werte
radikal abgeleht wurden. An der Radiodiskussion vom Juni 1998 gingen der
Musiker Fredi Lüscher , der Ökonom und WIM-Präsident Jürg
Gasser und der Veranstalter und Kulturphilosoph Michel Baeryswil unter
anderem der Frage nach, was aus dieser Verweigerungshaltung bis Ende der
neunziger Jahre geworden ist.
Fredi Lüscher: "In den Anfängen der improvisierten Musik
hat man wohlklingende Melodien und Harmonien bewusst vermieden. Dies deshalb,
weil man die Instrumente klanglich ausloten und eine persönliche,
authentische Sprache - eine eigene Musizierhaltung als Solist oder Band
- finden wollte. Die Musiker sahen ihre Tätigkeit auch in Verbindung
zur Widerstandskultur, riskierten etwas und fanden so neue Inhalte. Die
Früchte von damals können heute in allen Bereichen der Kultur
geerntet werden. Beim Publikum stiess unsere Musik damals jedoch eher
auf Ablehnung. Wenn ich ehrlich bin, habe ich auch auf diese Art musiziert.
Dies hat sich unterdessen stark gewandelt. Ich konnte nicht während
fünfzehn Jahren mit dem Gefühl spielen, immer gegen etwas anzutreten.
Auf diese Weise entwickelte sich meine Musik mit der Zeit von einer Nein-Musik
zu einer Ja-Musik. Für diese Entwicklung war die Werkstatt
ein wichtiger Ort."
Jürg Gasser: "Die Nein-Musik, die du erwähnt
hast, hat man früher auch Kaputtspielen genannt. Durch
diese Spielweise konnte es einer Gruppe gelingen, zu einer Identität
zu finden. Ich denke, die jetzigen Ausdrucksformen improvisierter Musik,
die heute noch von vielen Leuten aus Gewohnheit als Nein verstanden
werden, sind aus der Intention der Musiker heraus absolut bejahend gemeint."
Michel Baeryswil: "Diese Unterscheidung von Ja-Musik
und Nein-Musik ist interessant. Die Formen der Politik haben
ihre Ausprägung immer schon auch in der Musik gefunden, nicht erst
seit den sechziger Jahren, der Zeit der Widerstandskultur. Ich denke,
Musik und Politik haben sich seither auch parallel entwickelt. Wir leben
heute in einer Zeit, in der alle Ja sagen, möglichst
schnell dabei sein wollen, schnell Geld verdienen oder berühmt sein
wollen. Die Bereitschaft, sich draussen zu halten und im Hintergrund oder
in der Opposition zu arbeiten wie in der Widerstandskultur, ist heute
nicht mehr so aktuell. Diese Entwicklung hat auch bewirkt, dass mögliche
Inhalte der Musik weniger ins Gewicht fallen als deren Unterhaltungscharakter.
Die Musik soll nicht politische Inhalte vermitteln, sondern unterhalten.
Aber auch das ist natürlich Politik."
Während anfangs die traditionellen
Werte und die bestehenden musikalischen Normen ungeachtet der Wirkung
auf das Publikum gleichsam kaputtgespielt wurden, haben sich
die Verhältnisse unterdessen geändert. Auch in der WIM ist der
Inhalt der Musik nicht mehr so wichtig wie zur Zeit der Widerstandskultur,
obwohl allein die Tatsache, dass sich dort die Musiker ohne Konkurrenzdruck
austauschen können, kulturpolitisch von Bedeutung ist. Heute wird
in der WIM eher eine ästhetische Haltung verfolgt, indem Musik mittels
Improvisation neu entdeckt und entwickelt wird. In gesellschaftlichen
und wissenschaftlichen Bereichen wird auf die methodischen Kompetenzen,
die sich die Musiker dabei aneigneten, bereits zurückgegriffen. Es
ist mittlerweilen bekannt, dass eine bis ins Detail ausgearbeitete Planung
die Entwicklung eines Produktes eher einengt als fördert. Hier werden
Vorgänge erkannt, welche Improvisatoren seit langem für ihre
Musik verwenden.
III.3 Unterschiedliche Verfahren
zu improvisieren
In den Interviews sprachen
die Musiker auch darüber, in welcher Weise sie improvisierte Musik
hervorbringen. Es zeigte sich, dass die Musiker eine ausgeprägte
Haltung zu ihrer Musik einnehmen und sich dabei auf ihre Erfahrung und
Individualität stützen. Dabei steht selten Virtuosität
im Vordergrund, sondern Ausdruck, Kommunikation und Authentizität.
Der Posaunist Hans Anliker, die Bassistin Marianne Anliker, der Gitarrist
Christoph Zimmermann und der Schlagzeuger Franz Aeschbacher von der Gruppe
Lift besuchen zum Beispiel unterschiedliche Konzerte und schaffen
sich damit gemeinsame Erinnerungen. Nach ihren Angaben führen diese
Erlebnisse und die Diskussion darüber zu einem kollektiven Strukturbewusstsein,
das sich auf die Musik der Gruppe auswirkt. Darauf aufbauend ist die Musik
des Quartetts durch Präsenz und Absichtslosigkeit im Spiel bestimmt.
Hans Koch äusserte sich, nach seiner Solo-Musik befragt, zur Form
improvisierter Musik: "Ich versuche, Alltagsgeräusche oder auch
Tierlaute in mein Saxophonspiel zu integrieren. Während des Spiels
möchte ich Neues finden können, nicht Eingeübtes wiederholen.
Wenn ich solo spiele, baue ich einen gewissen Sound auf und versuche,
daraus einen Bogen zu ziehen, der immer spannend bleiben soll. In der
Improvisation gibt es einen Punkt, an dem die Musik beliebig wird. Wenn
ich diesen Punkt überschreite, ist auch die Spannung weg. Da unterbreche
ich lieber den Bogen. Die Kunst besteht dann darin, die Spannung über
die damit entstehenden Pausen hinweg zu erhalten. Früher habe ich
mir Vorgaben gegeben. Doch wenn man Improvisationsmusik plant, passiert
nicht mehr viel, sie wird dann langweilig. Ich selber höre gerne
Bands, bei denen die Musik bis zu einem gewissen Grad unsicher bleibt.
Es ist nicht leicht, diese Unsicherheit immer aufrechtzuerhalten. Doch
darin liegt die Chance, dass wieder etwas beginnen kann."
Der Gitarrist Urs Roellin, der Posaunist Jean-Jacques Pedretti und der
Schlagzeuger Pascal Portner improvisieren stilistisch in der Jazztradition,
indem sie sich an Melodie und Puls orientieren. Auch ihre Besetzung -
zwar ohne Bass - erinnert an eine Jazzcombo.
Urs Roellin: "Wir arbeiten mit Themen, die gewisse Stimmungen fixieren.
Die Musiker können dann in die Stücke rein- und wieder raussurfen.
Mit Surfen meine ich nicht solistisches Agieren. Ich meine vielmehr die
Art und Weise, wie wir die jeweilige Stimmung aufnehmen und weiterspinnen.
Thematisch benutzen wir komponierte Stücke und Fragmente. Diese können
von den Musikern während eines Stücks angezogen werden. Die
Musik folgt aber keinem strikten Muster, sie kann in jedem Moment beeinflusst
werden."
Auch der Saxophonist Jürg Solothurnmann pflegt mit seiner Gruppe
Agasul einen freien, jazzbezogenen Stil. Da sich die Musiker in der seit
zehn Jahren bestehenden Gruppe gut kennen, erlauben sie sich, mit vollem
Risiko zu spielen. Thematisches Material dient bloss noch als gemeinsam
bekannter Sammelpunkt oder als Zitat. Die Musiker können darauf einsteigen,
sie können das Material aber auch verweigern. Daraus
resultiert eine Kommunikationsform, die, wie der Bassist Thomas Hirt ironisch
anmerkt, "...den vorläufigen Stand des momentanen Irrtums [innerhalb
der Band] angibt...".
Der Sound der frei improvisierten Musik könnte selber auch stilistisches
Material sein, das man - wie der Gitarrist Stephan Wittwer bemerkt - zitieren
kann: "Ich könnte auch sagen, ich hätte während des
Konzerts sieben Mal Derek Bailey zitiert...(lacht)...das wäre wie
ein Witz. Niemand würde sagen, das waren sieben Zitate, weil man
aus gewissen Konventionen heraus annimmt, dass eben frei improvisierte
Musik so klingt. Wenn Du aber plötzlich Dreiklänge brauchst
- was ja auch nichts Neues ist - fällt das aus dem Rahmen, weil sie
vordergründig nicht im Stil der freien Improvisation
vorkommen. Die Dreiklänge selber werden deshalb als Zitate wahrgenommen,
die freie Improvisation nicht."
Viele Musiker verwenden heute
für ihre Improvisationen elektronische Mittel. Dabei wird auf unterschiedliche
Weise gearbeitet. Die akustisch oder elektronisch erzeugten Klänge
werden, am Instrument selber oder am virtuellen Mischpult analog oder
digital manipuliert. Bei analogen Geräten ergeben sich dabei attraktive
Unreinheitseffekte wie Rauschen oder Feed Backs, die digital nur schwerlich
zu erreichen sind. Digitale Technologie ermöglicht es, durch virtuelle
Mischpulte und Effektgeräte akustische Klangquellen zu verändern
und die Resultate real time in ein musikalisches Geschehen zurückzufüttern.
Dabei kann nicht nur auf ein einzelnes Instrument, sondern auf den Sound
einer ganzen Gruppe zugegriffen werden. Diese Vorgänge erzeugen flächenartige,
minimalistische Strukturen, die improvisierenden Musikern offenbar ein
ruhigeres Zeitgefühl für ihre Interaktionen gibt. Die Musik
verläuft weniger hektisch, da sich der musikalische Raum durch die
elektronischen Klangerzeuger zu weiten scheint. Wie Tom Nunn in seinem
Buch Wisdom of the Impuls beobachtet, erweitern elektronische
Mittel nicht nur das Klangspektrum der Musiker, sondern werden auch als
scheinbar eigenständige Systeme in die Interaktion der improvisierenden
Musiker integriert.
Jochen Bohnes beschreibt seine Erfahrung mit dieser Art Musik nicht von
ungefähr in folgender Weise: "Musik machen heisst, in Klänge
einzutauchen, den Fluss der Gedanken, den Logos abzustellen und Einflüssen
auf einem emotionalen Level zu folgen. Wenn das Hirn sich in diesem Zustand
befindet, taucht man in den Moment der Musik ein, und die Zeit wird aufgehoben.
Jetzt spielt Ästhetik keine Rolle mehr; Erfahrungen werden sozusagen
durch eine Art gruppendynamisches Surfen auf einem Ozean
der Lust gemacht."
Günter Müller verbindet in seinem Schlagzeug-Set akustische
und elektronische Elemente: "Die Bestandteile meines Instrumentariums
verändern sich dauernd, so wie ich mich selber auch verändere.
Ich arbeite nicht mit Presets, die ich per Knopfdruck abrufen könnte.
Ich benutze mein Schlagzeug, um akustische Signale zu erzeugen, die ich
dann im Konzert direkt elektronisch verändern kann. Die Geräte
füttere ich dabei immer wieder von neuem. Doch lasse ich Patterns
selten über längere Zeit stehen. So bleibt die Musik dauernd
im Fluss. Ich denke, ich kann die Geräte mit ihren Schaltern und
Reglern etwa zu neunzig Prozent kontrollieren. Was die Geräte mit
den verbleibenden zehn Prozent tun, kann ich nicht abschätzen. Dies
macht die Improvisation spannend. Mit diesem Instrumentarium zu improvisieren
ist eine konzentrierte Form, vielleicht gar ein Modell von Leben, indem
ich auf mich selbst, auf die Mitspieler und das Publikum spontan reagiere,
so wie das im Alltag ja auch stattfindet."
Andere Improvisationsmusiker
wiederum orientieren sich an einer klassischen Klangästhetik. Der
Cellist Bernhard Göttert und der Flötist Andreas Stahel verwenden
tonale Motive und eine klassische Anordnung von Melodie- und Begleitmustern.
Sie beziehen dabei Brüche, Harmoniegerüste, Tonleiten und Rhythmen,
aber auch Einflüsse aus ethnischer Musik in ihre Improvisationen
mit ein. Die Musik folgt in ihren Worten voraussehbaren Leitzeichen.
Die Flötistin Susann Wehrli erzählt, wie in der Gruppe mögliche
Konzepte besprochen werden. Zum Beispiel werden Rollen definiert, welche
die Musiker während des Konzerts einnehmen können. Gleichzeitig
beachten die Musiker musikalische Gegebenheiten wie das Verhältnis
von Solist und Ensemble, die Wahl der Register, mögliche Einwürfe,
sowie Zäsuren und Schlussbildungen. Die Musiker erzeugen zusätzlich
einen räumlichen Effekt, indem sie sich mit den Instrumenten im Raum
bewegen.
Helen Geissberger und Agathe Kaehr berichten im Gespräch von Eigenschaften
improvisierter Musik, die sie nach wie vor von der komponierten Musik
abheben.
Helen Geissberger: "Christian Wolff ging in seinen Kompositionen
so weit, dass die Musiker den Notentext unterschiedlich lesen, ihn sogar
abändern durften. Dies entstand aber bestimmt unter dem Eindruck
des Klangs und der Vorgehensweise von improvisierter Musik."
Agathe Kaehr: "Der Gebrauch der Instrumente folgt in der komponierten
Musik anderen Gesetzen als in der Improvisationsmusik. In der Improvisation
bleibt es den Musikern überlassen, wie sie sich entscheiden, mit
Zeit und Raum umzugehen. Wenn die Musiker innerhalb eines komponierten
Stücks ein Fenster erhalten, in dem sie improvisieren dürfen,
bleiben sie trotzdem vom komponierten Kontext abhängig. Sie werden
nicht im gleichen Masse ihre eigenen Entscheidungen treffen können.
Neben der kontinuierlichen Erneuerung und Individualisierung des Instrumentenklangs
ist diese Entscheidungsmacht für die Improvisationsmusik typisch
geblieben."
Die Arbeitsweise innerhalb
improvisierter Musik lässt sich natürlich schwerlich auf einen
Nenner bringen. Trotzdem können die Aussagen durchaus ein Gesamtbild
ergeben. Während bei Musikern, die eher dem Jazz verbunden sind,
Einwurftshemen und Grooves wichtig sind, stehen bei Musikern klassischer
Herkunft eher Überlegungen zu Spielrollen und zum Verhältnis
der Instrumentenregister im Vordergrund. Elektronisch besetzte Gruppen
erweitern das Verfahren dadurch, dass in ihrer Musik die Interaktion der
Musiker durch die Präsenz der elektronisch erzeugten Effekte deutlich
verlangsamt ist. Als Gemeinsamkeit bleibt das Interesse daran, untereinander
ein Zusammenspiel aufzubauen, das spannend und immer bis zu einem gewissen
Grad unvorhersehbar bleibt. Dies ist wahrscheinlich die Grundmotivation,
überhaupt zusammen zu improvisieren.
IV. Vielfalt an Ausdrucksformen
Man könnte Improvisation
als Fluss von Gedanken beschreiben, der einerseits durch die Kommunikation
der Musiker bedingt ist, andererseits durch die stilistische Rückbindung
und musikalische Herkunft derselben gespeist wird. Improvisierte Musik
hört sich vielfach gesprächsartig an, getragen durch den stilistisch
geprägten Spielwitz der Musiker. Jacques Siron sagte im Interview,
das Material improvisierter Musik liege in den Erfahrungen, welche die
Musiker mitbringen. Die Form sei dann wie ein ausgedehntes Gespräch,
dessen Spannung sich auf die Zuhörer übertragen könne.
Die musikalischen Eigenheiten der Musiker wären dann die Motoren
eines Geschehens, das in der Erwartung des nächsten Moments lebt.
Anders ausgedrückt, wie dies Paul Lovens mehrfach beschrieben hat,
befinden sich die improvisierenden Musiker dauernd in der Situation des
freien Falls.
Improvisationsmusik findet in der sogenannt modernen News-Gesellschaft
zu Unrecht nur selten Gehör. Vielleicht liegt es daran, dass improvisierte
Musik nicht wirklich begreifbar wird, wenn man sie nur in kurzen Ausschnitten
anhört. Sie erzeugt ihre Wirkung erst durch die ihr eigenen Spielbögen.
Es ist eine Besonderheit der WIM-Radio Days, dass sich für einmal
jene Musiker äusserten, für die Musik mehr existentielle Notwendigkeit
bedeutet statt Vehikel, gesellschaftlichen Rang zu erreichen. Die Methoden
der Improvisation im aussermusikalischen Bereich sind für Wirtschaft
und Gesellschaft aber auch im indviduellen Bereich längst unabdingbar
geworden. Es hat sich deshalb theoretisch auch der Stellenwert der improvisierten
Musik gewandelt. Nachdem sich improvisierende Musiker lange verweigert
haben, finden sie sich heute in einer avantgardistisch-experimentellen
Situation wieder, die zu ihren ursprünglich politischen Intentionen
nicht unbedingt passt - der improvisierten Musik ist der Widerstandskult
abhanden gekommen. Damit ist sie aber auch wieder zu dem geworden, was
Musik seit jeher auszeichnete; improvisierte Musik ist wertfrei geworden,
auf dem Weg der Ablehnung jedoch um manche Ausdrucksform reicher.
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Days, Audiokassetten, Zürich 1998
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